Versuchstier des Jahres 2007
Die Ratte im Alkoholversuch
Vorwort
Ende der 80iger Jahre wurde ich erstmals mit dem Problem Alkoholforschung an Ratten konfrontiert - hautnah - bei einem Gespräch mit
Prof. Wolffgramm und
Dr. Heyne in der Psychiatrischen Klinik der Freien Universität Berlin. Die Wissenschaftler versuchten, mir und meinem Mitstreiter den Sinn und die Unersetzlichkeit ihrer Forschung klarzumachen. Uns blieben erhebliche Zweifel. Die den Ratten bei dieser Forschung zugefügten Leiden durch Isolierung, Immobilisierung und anderen Stress, durch belastende Verhaltenstests und durch Entzug sind gravierend. Ich habe sie gesehen, die süchtigen, isoliert in kleinsten kahlen Käfigen gehaltenen, vor sich hin starrenden Ratten – ein Anblick, den ich nicht vergessen kann.
Dies war der Anlass, Alkoholforschung mit Ratten in Deutschland auf den Prüfstand zu stellen. Hierzu wurden wissenschaftliche Arbeiten und Publikationen über einen Zeitraum von 15 Jahren
(1990 – 2005) ausgewertet. Das Ergebnis ist erschreckend.
Brigitte Jenner - Vorsitzende der Tierversuchsgegner Berlin und Brandenburg e.V.
Einleitung
Die Ratte ist nach der Maus die am meisten in Versuchen verwendete Säugetierart . Für viele Menschen zählt sie als “Schädling” und vermeintlicher Krankheitsüberträger zu den so genannten “Ekeltieren” und wird mit Angst- und Ablehnungsgefühlen assoziiert. So entsteht nur wenig Mitgefühl oder gar ein Unrechtsbewusstsein gegenüber in Tierversuchen missbrauchten Ratten. Kaum jemand kennt diese Tiere als hochsoziale und intelligente in Großfamilien lebende Rudeltiere, die ein enormes Verhaltensrepertoire aufweisen.
Um die Öffentlichkeit mit dem wirklichen Wesen der Ratte bekannt zu machen und sie so für das extreme Leid unzähliger Versuchsratten zu sensibilisieren, soll die Ratte 2007 als Versuchstier des Jahres in den Fokus gerückt werden.
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Foto: Regine Schneider-Gaskin
Ratten werden in praktisch allen Bereichen in Versuchen missbraucht. Ein Teilgebiet stellt die tierexperimentelle Alkoholforschung dar. Die Tierversuchsgegner Berlin und Brandenburg haben sich auf dieses Gebiet konzentriert und die Erkenntnisse aus 15 Jahren dieser Art der Forschung ausgewertet. Neben entsetzlichem Tierleid konnte keinerlei Nutzen für die klinische Medizin – und damit werden die Versuche ja begründet - gefunden werden.
Die Schilderung und Kommentierung einzelner Versuche aus diesem Bereich sollen exemplarisch verdeutlichen, in welchem Ausmaß Ratten in Experimenten leiden müssen und zugleich darlegen, wie sinnlos und grausam die Methode Tierversuch an sich ist und dass ein Umdenken hin zu tierversuchsfreier Forschung dringend notwendig ist.
Das Leben in der Freiheit -- der Laboralltag
Taxonomisch betrachtet gehören die zwei bei uns vorkommenden Rattenarten - die sehr selten gewordene Hausratte (Rattus rattus) und die vorherrschende Wanderratte (Rattus norvegicus) – zur Unterfamilie der Echten Mäuse (Murinae). Die seit etwa 1890 für Versuchszwecke gezüchteten Ratten stammen von der Wanderratte ab, die vermutlich Anfang des 18. Jahrhunderts von Skandinavien und Nordasien über den Seeweg nach Mitteleuropa und Amerika kam. Die nachtaktiven, außerordentlich anpassungsfähigen Kulturfolger sind intelligente Tiere mit einem hochentwickelten Sozialbewusstsein. Sie legen unterirdische Bauten an, die durch Gänge miteinander verbunden sind und deren zentraler Platz eine Art Kessel mit säugenden Müttern darstellt. Müttern und ihren Jungtieren wird in der Rangordnung der Großfamilie höchste Wertigkeit zugemessen. Umgeben wird diese Wöchnerinnenstube von Vorrats-, Schlaf- und Toilettenräumen.
Zur Nahrungssuche bedienen sich die Ratten hauptsächlich ihres stark ausgeprägten Geruchssinnes. Den Gemischtköstlern dient Getreide als Grundnahrung, zusätzlich werden Obst, Nüsse, Grünfutter und gelegentlich Insekten und Würmer verzehrt. Zudem werden auch Nahrungsabfälle in der Kanalisation oder auf Mülldeponien nicht verschmäht, was den Ratten ein negatives und mit Ekel assoziiertes Image beschert. Doch sollte nicht der Mensch eher über sich selbst und seine Entsorgungspraktiken nachdenken als sich über ein ausgesprochen intelligentes und anpassungsfähiges Tier zu erregen?

Foto: VGT Wien
Der Geschmackssinn der Ratten ist hervorragend ausgebildet und sie können geringste Spuren von Fremdsubstanzen “erschmecken”. Eine Besonderheit ist der so genannte “Vorkoster”, ein zumeist junges Männchen, das fremdes Futter zunächst probieren muss, bevor die übrigen Ratten im Falle eines Ausbleibens von Vergiftungserscheinungen ebenfalls davon fressen. Jungtiere fressen nur von Futter, das von älteren Ratten bereits benagt wurde.
Mit vier Wochen werden Ratten geschlechtsreif. Paarungsbereite Weibchen locken die Männchen über Sexualduftstoffe an und werden pro Brunst - quer durch die Familie - mehrere hundertmal begattet. Nach etwa 24 Tagen kommen durchschnittlich 5-7, bei domestizierten Ratten bis zu 15 nackte und blinde Jungratten zur Welt, die noch vier Wochen lang gesäugt werden. Für die kälteempfindlichen Jungen legt die Rättin ein warmes, weich gepolstertes Nest an. Bereits zwei Tage nach der Geburt der Jungen kann eine erneute Befruchtung des Weibchens stattfinden, so dass sechs bis acht Würfe pro Jahr möglich sind.
Zum enormen Verhaltensrepertoire der Ratten zählen unter anderem das stark ausgeprägte Erkundungsverhalten, das Spielen der jugendlichen Tiere, die gegenseitige Körperpflege, das extrem geschickte Klettern – der von vielen Menschen als “ekelhaft” angesehene Schwanz ist übrigens ein hochsensibles, mit feinsten Tasthärchen versehenes Organ, das unter anderem der Orientierung und beim Klettern und Springen dem Ausbalancieren dient - und der Nestbau.
Ratten können bis zu drei Jahre alt werden.
Die für Versuchszwecke ideale Größe, die Ähnlichkeit physiologischer Prozesse mit denen des Menschen, die relativ gute Resistenz gegen Infektionen und die “einfache” Haltung und Pflege wurden der Ratte zum Verhängnis: seit etwa 1890 wird sie für Laboratorien gezüchtet, inzwischen gibt es über 400 genetisch definierte Inzucht- und etwa 50 Auszuchtstämme von der Wanderratte.
Die heutigen Laborratten verfügen jedoch noch über das gleiche Verhaltensrepertoire wie ihre wildlebenden Artgenossen. Bedenkt man die arttypischen Bedürfnisse und Verhaltensweisen der Ratte, so ist der daraus folgende Schluss, dass die Haltung der Ratten im Labor auch ohne gleichzeitig stattfindende Versuche eine extreme Tierquälerei darstellt.
Das Tierschutzgesetz, das eine verhaltensgerechte Unterbringung der gehaltenen Tiere fordert, wird aus Bequemlichkeit und aus finanziellen und haltungstechnischen Gründen ad absurdum geführt. Die Haltungsumwelt der Labor-Standardhaltung beinhaltet als Strukturen den Edelstahl-Gitterdeckel mit abgesenkter Futterraufe und einer Halterung für die Trinkflasche und einige Zentimeter Holzgranulateinstreu (in bestimmten Stoffwechselkäfigen noch nicht einmal das). Angesichts der natürlichen Umwelt der Ratten, die sich durch eine enorme Komplexität und Abwechslungsfülle auszeichnet, mutet diese praktisch reizlose Umgebung wie blanker Hohn an. Es bestehen kaum Deckungs- oder Fluchtmöglichkeiten, Klettern oder auch nur ein Aufrichten ist nicht möglich, ein Nest kann nicht gebaut werden, und das Suchen und Speichern des Futters entfällt ebenfalls. Dass der winzige Käfig schnell erkundet ist und es danach für die extrem neugierigen Ratten nie mehr etwas Neues zu inspizieren und entdecken gibt, erklärt sich von selbst.
Für Ratten, die, wenn man sie ließe, in einem komplexen Sozialgefüge leben würden, ist die soziale Isolation, die durch die oft aus versuchstechnischen Gründen praktizierte Einzelhaltung entsteht, der am meisten belastende Faktor. Aber auch das Zusammenstellen von artifiziellen Gruppen führt angesichts des Platzmangels und der fehlenden Rückzugs- und Fluchtmöglichkeiten zu einer Überforderung der Tiere. Hinzu kommen dann noch die zusätzlichen Belastungen durch die Versuche. Der Umstand, dass die Ratten unter Laborbedingungen kein auch nur annähernd arttypisches Verhalten ausüben können, führt zu einem permanenten und starken Stress der Tiere und bedeutet lebenslanges Tierleid.

Foto: Steffen Petersen
Amimal rights Sweden
Die im Alkoholversuch isolierten Ratten
hatten nicht einmal eine Einstreu.
Alkoholforschung
Die Alkoholabhängigkeit des Menschen entsteht durch ein komplexes Zusammenwirken von genetischen Anlagen und Umwelteinflüssen und besitzt wie andere Substanzabhängigkeiten einen erheblichen Krankheitswert. Neben den fatalen individuellen Folgen für Alkoholkranke entsteht auch der Öffentlichkeit ein bedeutender volkswirtschaftlicher Schaden. Um dieser Problematik entgegenzutreten, wurde die Alkoholforschung - finanziert durch öffentliche und private Gelder – intensiviert.
Trotz der auch unter Forschern anerkannten Tatsache, dass Alkoholabhängigkeit eine einzig auf den Menschen bezogene Erkrankung ist, für die kein tierisches Analogon existiert, wird im präklinischen Bereich weiterhin unvermindert auf Tierversuche gesetzt. So werden in langdauernden und qualvollen Experimenten Effekte des Erbguts, Umgebungseffekte, deren wechselseitige Beziehung, molekulare Mechanismen und Möglichkeiten der pharmazeutischen Intervention untersucht.
Kritische Betrachtung der tierexperimentellen Alkoholforschung
Ganz abgesehen davon, dass im Rahmen der Suchtforschung unzählige Tiere unvorstellbar leiden und sie schon aus diesem Grunde abzulehnen ist, ist sie auch aus methodologischer und medizinischer Sicht zum Scheitern verurteilt. Das extrem vielschichtige Krankheitsbild der Alkoholabhängigkeit des Menschen, das durch ein komplexes und individuell unterschiedliches Zusammenspiel verschiedenster innerer und äußerer Faktoren über Jahre bis Jahrzehnte zustandekommt, durch ein standardisiertes “Tiermodell” nachahmen zu wollen, ist unmöglich.
Ein wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang ist, dass Suchtverhalten – und genau das soll ja in den Versuchen untersucht werden - nur auf der Basis freiwilliger Drogeneinnahme entsteht. Eine zwingende Konsequenz ist also eine freiwillige Alkholaufnahme durch die Tiere. Angesichts der den Bedürfnissen der Ratten komplett zuwiderlaufenden Haltungsbedingungen, wie sie im Labor üblich sind (s.o.), von Freiwilligkeit zu sprechen, erscheint jedoch mehr als fraglich. Vielmehr scheint es sich bei dem Alkoholkonsum, der unter diesen Bedingungen beobachtet wird, um eine Bewältigungsstrategie zu handeln, mit diesen permanenten artwidrigen Umständen umgehen zu können.
Aber auch ganz offenkundige Fragen der Übertragbarkeit und damit des potenziellen Nutzens dieser Versuche werden von vielen Experimentatoren nicht zum Anlass genommen, diese Art der Forschung zu überdenken. So wird in Diskussionen zu verschiedenen Versuchen angemerkt, dass die gemachten Beobachtungen beispielsweise nur für eine ganz bestimmte Rattenlinie gelten und nicht unbedingt auf andere Rattenlinien übertragbar seien. Wie sieht es dann wohl erst mit der Übertragbarkeit auf den Menschen aus, der sogar einer anderen Spezies angehört und nicht unter standardisierten Laborbedingungen lebt? Ebenso ist der verstärkte Einsatz gentechnisch veränderter Tiere neben erheblichem Tierleid hauptsächlich von Ergebnissen gekennzeichnet, die jegliche Aussagekraft missen lassen. Der Nutzen der tierexperimentell gestützten Erforschung der Alkoholabhängigkeit des Menschen ist somit neben ethischen auch aus medizinischen und methodologischen Gründen nicht gegeben.
Exemplarische Beschreibung einzelner Versuche
Nachfolgend sollen einige Versuche exemplarisch beschrieben werden. Ausführlichere Beschreibungen und Hintergrundinformationen zu den Versuchen sowie Quellenangaben finden sich in den Studien “...weil wir keine Ratten sind – Irrwege der Alkoholforschung” Teil I gelb (Forschungsergebnisse 1990 - 2000 ) und II blau (2001 – 2005), die unter info@tierversuchsgegner-berlin-brandenburg.de angefordert werden können.
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1.
In den 1990er Jahren wurde von Forschern am Institut für klinische Neurobiologie der Freien Universität Berlin (Wolffgramm und Heyne) versucht, ein “Tiermodell” zur möglichst genauen Nachahmung der Suchtentstehung beim Menschen zu entwickeln, um beispielsweise neue pharmakologische Möglichkeiten für die Rückfallprävention zu testen.
Hierzu haben männliche Wistarratten “freie Wahl” zwischen Wasser und unterschiedlich konzentrierten Alkohollösungen. Zunächst kann bei allen Tieren ein kontrollierter Alkoholkonsum beobachtet werden. Nach 40 bis 50 Wochen(!) verliert ein Teil der Ratten die Kontrolle über die Alkoholaufnahme. Nun wird der Alkohol für mehrere Monate entzogen und danach wieder zur Verfügung gestellt, um zu überprüfen, ob immer noch einige Tiere unkontrolliert trinken und somit laut den Forschern süchtig sind. Die Ratten werden als unkontrolliert trinkend angesehen, wenn aversive Bedingungen wie das Vergällen der Alkohollösung mit dem bitter schmeckenden Quinin, das Anbieten wohlschmeckender Alternativen, eine 24-stündige Isolation und auch der soziale Rang keinerlei Einfluss mehr auf den Alkoholkonsum haben.
Interessanterweise wurde im Zeitraum 2001-2005 kein veröffentlichter Versuch mit diesem Modell durchgeführt, was angesichts der Lobeshymnen, die – von Wolffgramm selbst stammend – in Übersichtsartikeln zu finden sind, überrascht. Stattdessen konnte dieses “Tiermodell” in drei eigens dafür angesetzten Dissertationen, die immer wieder neue Modifizierungen der Vorgehensweise zum Süchtigmachen untersuchten und ebenfalls viele Ratten das Leben kosteten, nicht nachvollzogen werden. So liest man in der dritten Dissertation: “Die Schwierigkeit bei der Problematik bezüglich der Entwicklung einer psychischen Abhängigkeit im Tiermodell wird durch die Ergebnisse (der drei Dissertationen) bestätigt”, und “(es) muss in Frage gestellt werden, ob die Ratte oder andere Tierarten als Modell für den menschlichen Alkoholismus dienen kann. Diese und die Ergebnisse anderer Untersuchungen weisen darauf hin, dass Sucht eine einzig auf den Menschen bezogene Krankheit ist, für welche kein tierisches Analog existiert. Sie hat multifaktorielle Ursachen und ist nicht allgemeingültig und vorhersehbar zu replizieren.”
In offenbar vollständiger Ignorierung dieser Ergebnisse schreibt Wolffgramm in einem 2005 veröffentlichten Artikel völlig unkritisch über das von ihm entwickelte Tiermodell. Es stellt sich die Frage, inwieweit ein wissenschaftlicher Austausch zwischen den Forschern
bzw. das ständige Informieren über neueste Forschungsergebnisse stattfindet – bezeichnend für diese Art von Forschung und unendliches Leid bedeutend für Tausende von Tieren, die in solch widerlegten, trotzdem aber weiterhin stattfindenden Versuchen eingesetzt werden.
2.
1999 wurde in Freiburg Ratten über acht Tage 20%iger Alkohol durch einen kleinen Schlauch in den Magen verabreicht.
Die so behandelten Tiere verbrachten die meiste Zeit in einem schweren Stadium der Vergiftung, kaum dazu imstande, das angebotene Futter zu fressen. So verloren sie bis zu 20% ihres Körpergewichtes, was teilweise durch die zwanghafte Eingabe einer Flüssigdiät kompensiert wurde. Etwa 30%(!) der Ratten starben während des Versuchs an Alkoholüberdosierung. Nach 24 Stunden Entzug wurden die Tiere durch Enthauptung getötet und ihr Gehirn untersucht. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie schon schwere Entzugserscheinungen wie Zittern, Angst und Aggressivität. Das Versuchsziel war die nähere Untersuchung von Schäden im Gehirn durch massiven Alkoholkonsum, wodurch beim Menschen unter anderem Epilepsie ausgelöst werden kann.
Ein extrem belastender und mit starkem Leid verbundener Versuch, dessen Fragestellung man erheblich aussagekräftiger und ethisch unbedenklich mit pathologischem Material verstorbener alkoholkranker Menschen hätte behandeln können.
3.
2001 wurde am Institut für Pharmakologie und Toxikologie des Fachbereichs Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin ein Versuch zu den akuten Effekten von Alkohol auf Angst und die Konzentration des Botenstoffs Serotonin in einem bestimmten Gehirnbereich durchgeführt.
Hierzu wurden mindestens 26 Ratten zweier Rattenstämme, die genetisch bedingt ein hohes
bzw. ein geringes Angstverhalten aufweisen, einer schmerzhaften Operation unterzogen: den Tieren wurde eine Führungskanüle in den entsprechenden Gehirnbereich gelegt und mit Schrauben und Kunstharz am Schädel befestigt. Die Ratten hatten ganze vier Tage Zeit, sich von diesem schweren Eingriff zu “erholen”. Durch die Kanüle wurden nun Proben entnommen, um die Serotoninkonzentration unter verschiedenen Bedingungen zu ermitteln. Verglichen wurde dann das Verhalten und die Serotoninkonzentration der beiden Rattenstämme in gewohnter Umgebung oder in ungewohnter, angstauslösender Umgebung (hier ein erhöhter “Irrgarten”) und der Einfluss von Alkohol auf diese Parameter.
Die aus diesem Versuch gewonnenen Ergebnisse widersprachen einerseits den Beobachtungen aus vorangegangenen Tierversuchen, des Weiteren lieferten auch Studien an Menschen mit bildgebenden Verfahren anders lautende Resultate.
4.
Ebenfalls 2001 wurde ein Artikel veröffentlicht, der sich mit der Vorbeugung alkoholinduzierter Leberschädigungen bei Ratten durch das Medikament Ebselen befasst.
Ebselen wird bereits in der Schlaganfalltherapie beim Menschen eingesetzt und hat sich als gut verträglich erwiesen. Daher würde es sich eigentlich anbieten, Ebselen im Rahmen einer klinischen Studie an freiwilligen alkoholmissbrauchenden Menschen auf seine leberschützende Wirkung hin zu untersuchen. Stattdessen wird ein stark belastender Versuch an mindestens 16 Ratten durchgeführt. Den Tieren wurde operativ eine Magen-Darm-Sonde gelegt. Nach einer Woche wurden sie in vier Gruppen (a-d) aufgeteilt und erhielten eine leberschädigende Flüssigdiät und dazu je nach Gruppe a) ein Plazebo, b) Alkohol, c) Ebselen und d) Alkohol und Ebselen. Diese schlimme Prozedur – die Tiere erhielten ihre Nahrung ausschließlich zwangsverabreicht über die Sonde – erstreckte sich über vier Wochen. Danach wurden alle Ratten getötet und ihr Blut und ihre Lebern auf Hinweise für Leberschädigungen untersucht.
Ein extrem quälerischer Versuch, der gerade auch angesichts der für eine klinische Erprobung am Menschen überaus günstigen Gegebenheiten so betroffen macht.
5.
2003 wurde eine vergleichende Studie an alkoholpräferierenden Rattenlinien zu den Wirkungen von Entzug und Stressphasen auf die freiwillige Alkholaufnahme (zur Freiwilligkeit s. o.) und das Trinkverhalten im zeitlichen Verlauf durchgeführt.
Insgesamt 71 Ratten unterschiedlicher Zuchtlinien hatten über sechs Monate freien Zugang zu Wasser, 5%iger und 20%iger Alkohollösung. Nach acht Wochen wurde den Tieren der Alkohol für 14 Tage entzogen. Um physischen und psychischen Stress hervorzurufen, mussten die Tiere nach 16 Wochen an drei aufeinander folgenden Tagen in einem zylindrischen Gefäß in tiefem Wasser so lange schwimmen, bis sie aufgaben und sich treiben ließen. Nach 22 Wochen erhielten die Ratten an drei aufeinander folgenden Tagen in einer Testkammer Stromstöße über das Bodengitter und die Wände. Die einzelnen Tests dauerten zehn Minuten, die Gesamtdauer der Stromstöße betrug pro Test fünf Minuten!
Eine Beobachtung, die gemacht wurde, war, dass selbst innerhalb der verschiedenen Rattenlinien große individuelle Unterschiede im Trinkverhalten bestehen. Wiederum stellt sich die Frage der Übertragbarkeit und somit des Nutzens dieser Versuche.
6.
2004 wurden neugeborene Ratten durch Köpfen getötet, ihre Großhirnrinde in Scheibenkulturen über vier Tage mit Alkohol behandelt und dann auf bestimmte Moleküle hin untersucht.
Hintergrund: es wird vermutet, dass bei dem so genannten Fetalen Syndrom (Schädigung des Fetus infolge Alkoholmissbrauchs der Mutter) eine Störung der Biochemie eines bestimmten Botenstoffs vorliegt. Diese soll dadurch zustande kommen, dass Alkohol auf sich entwickelnde Zellen wirkt und die Effekte des Botenstoffs verstärkt. Ergebnisse, die zur Aufklärung beitragen, werden in dieser Studie nicht gefunden. In der Diskussion ist gar zu lesen, dass die gemachten Beobachtungen nicht generalisiert auf andere Spezies, Entwicklungsstadien oder Gehirnregionen übertragen werden können. Schlussfolgerung der Autoren ist, dass weitere Studien durchgeführt werden sollten, die untersuchen sollen, ob Alkoholgaben an trächtige Ratten ähnliche Effekte in den Gehirnen der Jungtiere hervorrufen wie in diesem Versuch.
7.
2005 wurde an 48 Wistarratten der Einfluss des Alters zu Beginn des Trinkens auf das Langzeittrinkverhalten mit Entzugs- und Stressphasen untersucht.
Hierzu hatten 24 jugendliche und 24 erwachsene Ratten über 30 Wochen freien Zugang zu Wasser, einer 5%igen und einer 20%igen Alkohollösung. Nach acht Wochen wurde der Alkohol für 14 Tage entzogen, um das rückfallähnliche Trinkverhalten zu messen. Nach der 16. und der 26. Woche wurden die Tiere dem erzwungenen Schwimmen und dem Fußschocktest (Ablauf s. o.) unterzogen, um den Einfluss verschiedener Stressfaktoren zu messen.
In der Diskussion zu diesem Versuch wird darauf hingewiesen, dass männliche Wistarratten verwendet wurden, die generell keine großen Mengen Alkohol konsumieren und auch keine genetische Vulnerabilität dafür aufweisen. Weibliche Tiere und selektiv auf hohen Alkoholkonsum gezüchtete Rattenlinien könnten durchaus anders reagieren. Zusätzlich zu diesen die Aussagekraft dieses Versuchs ad absurdum führenden Aspekten gab es in der Versuchsplanung keine Kontrollgruppen, um beispielsweise einen puren Zufall bezüglich des Zusammentreffens von veränderter Alkoholpräferenz und einem Stressor auszuschließen. Alles in allem ein schon von vorneherein komplett sinnloser Versuch, für den 48 Tiere leiden und sterben mussten.
Tierversuchsfreie Forschungsansätze:
Um bessere und erfolgreichere Behandlungs- und auch Präventionsstrategien für alkoholabhängige Menschen anbieten zu können, ist die weitergehende Erforschung dieser Erkrankung erforderlich. Dazu bedarf es jedoch sinnvoller Forschungsansätze aus unterschiedlichen Bereichen der Medizin, die nachfolgend kurz skizziert werden sollen.
Aufschlussreiche Grundlagenforschung kann mithilfe der modernen, nichtinvasiven bildgebendenVerfahren wie dem Magnet-Resonanz-Imaging (MRI) oder der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) an lebenden Menschen schmerzlos und ethisch unbedenklich betrieben werden. Sowohl morphologische als auch funktionelle Prozesse können so untersucht werden. Auch die Wirkmechanismen von die psychotherapeutische Behandlung unterstützenden Medikamenten können durch das MRI nachvollzogen werden.
Die Verbindung der bildgebenden Verfahren mit genetischen Untersuchungen leistet einen weiteren Beitrag zur Erforschung des Alkoholismus.
Die Untersuchung pathologischen Materials,
z.B. Gehirne verstorbener alkoholkranker Menschen, kann ebenfalls über morphologische und funktionelle Veränderungen Aufschluss geben. Auch können an diesen Organen toxische Auswirkungen des Alkoholkonsums untersucht werden, unterstützt durch Studien an Zell-
bzw. Gewebekulturen gegebenenfalls in Verbindung mit Computertechniken.
Bevölkerungsstudien dienen der Untersuchung der Verteilung von Krankheiten und der Erkennung von Einflussfaktoren, um so vorbeugende Maßnahmen entwickeln zu können. Auch Familien- und Adoptionsstudien haben in der Alkoholforschung wichtige Erkenntnisse liefern können. Studien, die sich mit der Effektivität verschiedener psychotherapeutischer Behandlungsansätze befassen, sind für die Verbesserung dieser Strategien über den gegenwärtigen Stand hinaus von großer Bedeutung. Gelder, die reichlich in die tierexperimentelle Alkoholforschung fließen, wären an dieser Stelle wesentlich sinnvoller angelegt. Diese, in ihrer Gesamtheit sinnvolle Art der Erforschung der Alkoholabhängigkeit steht einer tierexperimentellen Alkoholforschung, die sich neben ihrer ethischen Fragwürdigkeit zudem durch erhebliche medizinische und methodologische Mängel auszeichnet, gegenüber.
Was wollen wir wie erreichen?
Um die Öffentlichkeit mit dem Tier Ratte bekannt zu machen und sie so für das extreme Leid unzähliger Versuchsratten zu sensibilisieren, soll die Ratte 2007 als Versuchstier des Jahres in den Fokus unserer und bundesweiter Aktionen und Kampagnen gerückt werden.
Wir hoffen, dadurch ein Bewusstsein für das Leid der Ratte im Bereich der Alkoholforschung zu schaffen und auf diesem konkreten und zugleich exemplarischen Wege Menschen gleichzeitig auf die Sinnlosigkeit und Grausamkeit der Methode Tierversuch - Ratten werden in allen denkbaren Bereichen in Versuchen missbraucht - an sich aufmerksam zu machen. Damit verbunden ist auch die Hoffnung, dass künftig die Genehmigungspraxis solcher Tierversuchsvorhaben kritischer gesehen und genauer überdacht wird. Zugleich werben wir für die verstärkte Unterstützung tierversuchsfreier Forschungsansätze.
Was können Sie tun?
Um die Öffentlichkeit mit dem Tier Ratte bekannt zu machen und sie so für das extreme Leid unzähliger Versuchsratten zu sensibilisieren, soll die Ratte 2007 als Versuchstier des Jahres in den Fokus unserer und bundesweiter Aktionen und Kampagnen gerückt werden.
Wir hoffen, dadurch ein Bewusstsein für das Leid der Ratte im Bereich der Alkoholforschung zu schaffen und auf diesem konkreten und zugleich exemplarischen Wege Menschen gleichzeitig auf die Sinnlosigkeit und Grausamkeit der Methode Tierversuch - Ratten werden in allen denkbaren Bereichen in Versuchen missbraucht - an sich aufmerksam zu machen. Damit verbunden ist auch die Hoffnung, dass künftig die Genehmigungspraxis solcher Tierversuchsvorhaben kritischer gesehen und genauer überdacht wird. Zugleich werben wir für die verstärkte Unterstützung tierversuchsfreier Forschungsansätze.
Sie können durch Schreiben von Briefen an Entscheidungsträger wie für den Tierschutz zuständigen Bundesminister Horst Seehofer, die Ministerin für Bildung und Forschung, Frau Dr. Annette Schavan, die Tierschutzreferenten der Bundesländer und die zuständigen Genehmigungsbehörden von Tierversuchen Ihren Protest über die Grausamkeit und den fehlenden Nutzen dieser Alkoholforschung kundtun. Protestieren Sie gegen die Förderung dieser sinnlosen Forschung und fordern Sie stattdessen den Ausbau von Therapieplätzen und Heilungsstätten, um den alkoholkranken Menschen einen Weg aufzuzeigen, wie aus der Perspektivlosigkeit wieder ein freudvolles Leben ohne Sucht werden kann.
Bitte unterstützen Sie öffentliche Aktionen gegen Tierversuche, wo immer sie stattfinden.
Einen Musterbrief und die Adressen der Ansprechpartner finden Sie unter www.versuchstier-des-jahres.de
Rubrik: 2007 - Die Ratte im Alkoholversuch